Von der Estación Plaza de Armas fahre ich an diesem Morgen ziemlich früh mit dem Bus EA Especial Aeropuerto an den Flughafen von Sevilla. Ich fliege zurück nach Zürich. Zwar nicht wie geplant mit einem Direktflug, der wurde gecancelt. Zähneknirschend habe ich das Angebot über Frankfurt zu fliegen, zwischenzulanden, einen Anschlussflug abzuwarten angenommen.

Mein Studio habe ich früh abgegeben und darum checke ich auch ziemlich früh ein. Am Check-in Schalter ist die Señora ganz locker drauf, muss zuerst noch Papierstreifen nachfüllen, plaudert mit mir, stellt mir die Boardingkarte aus und schiebt sie über die Theke.

Das ist der Moment, an den ich mich später kopfschüttelnd zurück erinnere. Aber das geht noch lange, zuerst hänge ich noch ein paar Stunden am Flughafen, lese und vertreibe mir die Zeit. Endlich, das Check-in beginnt, ich stelle mich an die Schlange, zücke meine Boardingkarte, schaue drauf und… kann nicht fassen, was ich dort lese! Dominguez Rodriguez Afonso… ?! Öh. Hä? Ja, Dominguez Rodriguez Afonso. Wieso zum Teufel steht dort nicht mein Name?

Heisse Schauer überschwemmen mich. Ich könnte schnappatmen vor Schock, mich ohrfeigen dass ich mein Ticket nicht schon längst kontrolliert habe, mein Herz pocht, ich will heute nach Hause fliegen, freue mich auf meine Familie. Und stehe in der Boardingschlange mit einem Dominguez Ticket?! Kurz überlege ich mir, einfach nichts zu sagen, durchzulaufen, mich auf den Platz setzen und mich – was immer auch passiert – weigern aufzustehen. Ja, geht natürlich nicht. Also warte ich mit klopfendem Herzen in der Schlange bis ich endlich am Schalter stehe.

Die Check-in Señoras fangen sofort an, hektisch in den Computer zu töggeln, wahrscheinlich ist der ganze Flug wegen mir gefährdet. Schon bald wird Afonso Rodriguez Dominguez ausgerufen. Er kommt zum Schalter und noch während ich das hier schreibe, muss ich lachen, denn später viel später wird er mir erzählen, was ihm genau in diesem Moment durch den Kopf ging. Alles passiert nur noch auf Spanisch, die Señoras sind nun wirklich unter Druck – während ich ganz lässig da stehe (haha) – und zum Glück verstehe ich nach drei Wochen curso intensivo da an diesem 7. Dezember recht gut Spanisch.

Es dauert Ewigkeiten. Die Passagiere, die hinter mir standen, sind längst an mir vorbeigezogen. Ich bin froh, ist Afonso noch da. Das Flugzeug wird nicht ohne ihn abfliegen. Ohne mich jedoch… nunca se sabe. Irgendwann schicken ihn die Señoras dann doch die Rampe hinunter. Jetzt bin ich ganz allein. Die Zeit drängt, ich spüre, dass die Señoras nervöser werden. Sie bringen es nicht fertig, mich ab Frankfurt korrekt einzubuchen und eine Boardingkarte auszustellen.

Schlussendlich drucken sie mir auf zartem hauchdünnen Endlosdruckpapier nicht mehr als ein Zettelchen, drücken es mir in die Hand und lassen mich ziehen. Ihre Nervosität hat mich angesteckt, ich rase die Rampe zum Flugzeugtransfer-Bus hinunter, überhole Passagiere, von denen ich denke, dass sie woanders hin unterwegs sind… da ein vertrautes Gesicht. Afonso. Sofort bin ich total relaxt, wir scherzen und noch viel schöner, wir boarden zusammen. Haben beide einen eigenen Sitz.

Boardingkarte hauchdünn

In Frankfurt steige ich ganz entspannt aus, ich weiss, ich habe mehr als genug Zeit, auch um eine anständige Boardingkarte zu bekommen. Doch da, ein vertrautes Gesicht. Afonso. Er rast in hohem Tempo an mir vorbei, schreit zu mir herüber (schon wieder lache ich fast Tränen, diese Situation hat sich mir wie in Zeitlupe eingeprägt… Afonso, der an mir vorbei secklet wie ein Wahnsinniger, seinen Kopf dreht und mir so was in der Art wie „schnell beeil dich!“ zubrüllt). Okay, jetzt bin ich etwas beunruhigt, beschleunige meinen Schritt. Noch im anderen Flugzeug ist zwar eine kurze wenn nicht gar gefährdete Verbindung angekündigt worden, aber doch nicht unsere nach Zürich… . Bin ich sicher? Claro. Oder doch nicht?

Ich gehe schneller, bin bald in leichtem Laufschritt. Am Gate angekommen treffe ich auf einen Afonso ausser Atem. Schnell klärt sich seine Eile. Die Ankündigung im Flugzeug hatte er auf unseren Flug bezogen. Und nun, in Frankfurt erzählt er mir, wie er sein Check-in in Sevilla erlebt hat. Die Bemerkung bei der Gepäckaufgabe „aha, noch ein zweites Gepäckstück“ konnte er schon nicht einordnen. Fragte aber auch nicht weiter nach. Ohne Weiteres erhält er eine Boardingkarte auf seinen Namen. Obwohl ich diese schon hatte.

Dass er mit seiner Boardingkarte dann beim Scanner zum Kontrollbereich nicht durchkam, machte ihn zwar stutzig. Nachdem er Pass und Boardingkarte gezeigt hatte, wurde er dann manuell durchgelassen. Aber dann, vor dem Gate zur Boardingtime, als sein Name ausgerufen wurde – weil ich mit einer Boardingkarte lautend auf ihn am Schalter stand – war für ihn klar: Heute würde er nicht nach Zürich fliegen. Zu viele komische Ereignisse, die er sich nicht erklären konnte… . Nun, wir kamen an diesem Tag beide nach Zürich. Und haben uns an der Gepäckausgabe am Flughafen Zürich das letzte Mal gesehen – und uns mit einer herzhaften Umarmung verabschiedet. Zwei vormals Fremde, deren Familienname mit „Do…“ beginnt.

Ein kleiner Fehler. Einer Señora am Check-in in Sevilla. Husch husch bei meinem Check-in die ersten beiden Buchstaben des Familiennamens eingegeben, das erste Ergebnis mit „Do…“ angeklickt. Mir die Boardingkarte von Afonso Rodriguez Dominguez ohne kurze Reflektion rübergeschoben. Ich, die Boardingkarte ohne einen Blick darauf zu werfen, eingesteckt. Soll mir nie wieder passieren. Vor allem nicht, wenn Señor Dominguez mitfliegt!

Mein Gepäck blieb auf Dominguez eingecheckt.

Verlinkt beim Wochenglück. Den Namen von Afonso habe ich leicht geändert.

Posted by:swizzwoman

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