An diesem Septembertag in Paris gab es diesen einen Gedanken. Diesen Gedanken, der mich überraschte. Erschreckte. Und vor Augen führte, wie es sich anfühlen könnte. Aber vorher – und auch nachher – war es ein sommerlicher 21. September 2019 in Paris. Natürlich war er noch viel mehr, European Heritage Day, Klimademonstration und, wie schon so oft dieser Tage, Wochen und Monate der Macron-Regierung, war auch noch eine „gilets jaunes manifestation“ angekündigt. Ziemlich viele Gründe also, sich gut zu überlegen, wo genau ich diesen Tag in Paris verbringen möchte.

Aufmarsch zur Klimademonstration in Paris

Macrons Amtssitz, den Élysée-Palast, hätte ich an diesem Tag zu gern besichtigt. Und vielleicht einen Blick auf diesen neuzeitlichen Bonaparte geworfen. Oder seinen Schatten davon huschen sehen. Das dachte nicht nur ich. Die Tickets waren im Nu weg. Ich tröstete mich also mit der Aussicht, am Nachmittag auf einem der hübschen Luxembourger im Jardin de Luxembourg an der Sonne zu sitzen. Darum kam auch ich dem Geheule der Polizeisirenen der Innenstadt wieder näher, nicht aber den Luxembourger-Stühlen. Der Garten war aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Ich kam also meinem Gedanken an diesem Septembertag aus einer Verkettung von Umständen immer näher. Die wärmende Sonne lockte mich weiter in den Parc des Buttes-Chaumont. Auf keinen designten Parkstuhl, sondern auf eine harte Bank. Dafür direkt am künstlichen See mit Sicht auf jene, die einmal zweimal dreimal… rund um das Wasser laufen.

Parc des Buttes-Chaumont

Jene, die einmal zweimal dreimal… ja zigmal um das Wasser laufen, sind an diesem Samstag jede Menge junge Menschen. Soweit ich sehen kann, sind auch die Sitzbänke bevölkert. Mit jungen, hübschen Menschen. Jungen, jüdischen Menschen. Das wird mir – dank Kippa – recht schnell klar. Und an diesem Septembertag ist Schabbat. Kein einziges Handy stört die munteren Gespräche rund um mich, kein Mobiltelefon wird schnell gezückt, um kurz etwas in die Tasten zu hauen.

Junge, jüdische Männer stecken die Köpfe zusammen

Am liebsten würde ich sogleich mit diesen Menschen ins Gespräch kommen, ihnen Fragen stellen, ja sie nach Hause begleiten, erleben, was jüdische Kultur bedeutet. Wäre gern dabei, wenn die Kerzen angezündet und das vorbereitete Mahl gegessen wird, würde koscheren Wein trinken, mir erklären lassen was genau koscher am Wein ist, ja möchte einfach mehr wissen, wie diese jüdische Gemeinschaft lebt. Und da kommt er. Dieser Gedanke. In diesem Parc des Buttes-Chaumont der von jüdischen Menschen gefüllt ist. Jüdinnen und Juden, rund um mich herum. Erwachender Antisemitismus rund um mich herum in Europa. „Ist es sicher in der Nähe von so vielen jüdischen Menschen zu sein?“, denke ich also. Und dieser eine Gedanke erschreckt mich heftig.

Es erschreckt mich, dass ich in Paris an der Sonne sitze, rund um mich herum fröhliches Leben, junge Menschen und ich mir Gedanken zur Sicherheit mache. Es erschreckt mich, dass wir wieder soweit sind, dass der Gedanke überhaupt aufkommen kann. Und ich frage mich, wie erst müssen denn Jüdinnen und Juden über ihre Sicherheit denken?

Der Gedanke erschreckt mich nicht nur, er beschämt mich. Er spiegelt einen Zeitgeist. Einen Zeitgeist gegen den wir antreten müssen, wo immer sich Antisemitismus zeigt. Natürlich bin ich da geblieben.

An diesem Septembertag oberhalb des Sees fanden auch andere Menschen zusammen. Miteinander, nebeneinander.

Farbenfrohe Hochzeit
Wasserspiele in der Septembersonne

Diesen Montag war Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2020.

Ich war an einem Anlass in einem Literaturhaus, an dem aus verschiedenen Büchern vorgelesen wurde. Unter anderem aus dem kürzlich erschienenen Tagebuch von Mary Berg, „Wann wird diese Hölle enden?“, das sie über Jahre im Warschauer Ghetto geschrieben hat. Ich habe es gelesen und kann es nur empfehlen.

Verlinkt bei Fräulein Ordnung.

Posted by:swizzwoman

2 Antworten auf „Septembertag in Paris

  1. Ähnliche Gedanken beschäftigen mich auch. Vor allem die weit verbreitete Unwissenheit. Deine Bilder zeigen, wie bunt die Welt sein kann. Hoffen wir, dass es so bleibt.
    LG
    Magdalena

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